Gegen Menschenhandel in Polen: Seminar und Lagebericht

Hintere Reihe von links: Dominika Domanşka, Patrycja Michniewicz (beide Polen), Majorin Estelle Blake (Koordinatorin Anti-Human Trafficking im Command Italien und Griechenland); vorne von links: Karolina Grzymala (Polen), Christine Tursi (Koordinatorin im Büro für Soziale Gerechtigkeit am THQ, Deutschland)

Wissen wir, was in unserer Nachbarschaft vor sich geht? Das Wissen und die Aufklärung über den Menschenhandel haben uns bewusst gemacht, wie gefährdet die Menschen – Kinder und Erwachsene – sind, denen wir in unseren Programmen dienen. Personen verschwinden, Kinder werden angelockt. Es geschieht alles vor unseren Augen und wir haben es nicht gesehen, bis wir darauf aufmerksam gemacht wurden.

Zu diesem Seminar wurde Majorin Estelle Blake (Command Italien und Griechenland) eingeladen, um mit Hilfe der Territorialen Koordinatorin für Soziale Gerechtigkeit, Christine Tursi, und zwei Referentinnen aus Polen für dieses Thema zu sensibilisieren.

Die Teilnehmer aus Polen und auch Litauen beschäftigten sich mit der Frage: Wie könnte eine Strategie gegen den Menschhandel in ihren Ländern aussehen? Sie tauschten sich über ihre Kenntnisse, Erfahrungen und Recherchen aus und wurden motiviert, sich noch mehr im Rahmen des internationalen Einsatzes der Heilsarmee zu engagieren. Es gibt noch viel zu tun, aber wir sind auf dem richtigen Weg.

Menschenhandel in Polen – ein aktueller Bericht

Die Heilsarmee in Polen hat einen Bericht über die Problematik und aktuelle Situation des Menschenhandels in diesem Land erstellt. Dieser Bericht basiert auf offiziellen polnischen Daten, Studien und Publikationen aus den Jahren 2010 bis 2015. Die Recherchen führten Karolina Grzymala und Tetyana Ouerghi durch. Im Folgenden gibt Majorin Joan Münch, die Regionaloffizierin für Polen, eine Zusammenfassung des Berichts.

Die Opfer von Menschenhandel in Polen sind meistens arbeitslos oder in einer Ausbildung. Auf der Suche nach Arbeit oder aufgrund familiärer Konflikte nehmen sie riskante Stellenangebote an. In der Mehrzahl sind es Frauen, doch die Zahl der betroffenen Männer steigt. Die meisten Menschen werden zum Zweck der sexuellen Ausbeutung und der Zwangsarbeit verkauft. Der Anwerber ist meist ein Mann derselben Nationalität wie das Opfer und diesem nicht oder nur oberflächlich bekannt. Manche Anwerber gehören einem internationalen Verbrecherring an, andere üben ihre kriminellen Aktivitäten gemeinsam mit Angehörigen aus, die im Ausland leben oder ein eigenes Unternehmen aufbauen.

Polen weist eine negative demografische Entwicklung auf. Dies liegt an mangelnden angemessenen und stabilen Beschäftigungen: Sehr niedrige Löhne sowie hohe Steuern und Sozialabgaben haben einen sehr niedrigen Lebensstandard zur Folge. In manchen Gegenden ist zudem die Arbeitslosenquote sehr hoch. Polen ist sowohl Ziel- als auch Transit- und Herkunftsland für Opfer von Menschenhandel. Deutschland ist neben Großbritannien und den Niederlanden das wichtigste Zielland. Die meisten Opfer, die nach Polen kommen, stammen aus Weißrussland, Bulgarien, der Ukraine, aus Vietnam und von den Philippinen.

An der Bekämpfung des Menschenhandels beteiligen sich staatliche Institutionen wie auch Nichtregierungsorganisationen. Ein großes Problem sind unzureichende Rechtsvorschriften. Bis zu 50 Prozent der Gerichtsverfahren werden aufgrund der Beweislage eingestellt. Zudem werden die Opfer häufig stereotyp wahrgenommen. Sexuell ausgebeutete Frauen gelten entweder als „demoralisierte Mädchen“ oder als „berechnende Prostituierte“. Gerichtsurteile und schlecht durchgeführte Gerichtsverfahren bei Menschenhandel zeigen bestenfalls ein mangelndes Verständnis der Straftat, im schlimmsten Fall jedoch eine Missachtung der Opfer und ihrer Rechte durch Richter und Staatsanwälte. Das Justizsystem scheint nicht zu berücksichtigen, dass das Gesetz gegen Menschenhandel dazu gedacht ist, die Opfer zu schützen.

Polen hat 2008 das Übereinkommen des Europarats zur Bekämpfung des Menschenhandels unterzeichnet und sich damit verpflichtet, die Rechte der Opfer hinsichtlich Erholung, Bedenkzeit, Schutz der Identität, Entschädigung und Rechtsschutz, Aufenthaltstitel und Rückführung zu wahren und zu schützen. Um alle Rechte eingeräumt zu bekommen, müssen die Betroffenen von Rechts wegen als Opfer von Menschenhandel anerkannt werden. Dies ist jedoch aufgrund der Vorurteile gegenüber den Opfern nicht einfach. Hauptsächlich geht es also darum, die Rechte der Opfer zu gewährleisten – besonders im Blick auf psychologische und materielle Unterstützung und den Schutz von Kindern vor Ausbeutung. Dies könnte durch folgende Schritte geschehen:

Aktuell

Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen und staatlichen Institutionen, die an der Bekämpfung des Menschenhandels beteiligt sind. l Mitgliedschaft im nationalen Netzwerk von Nichtregierungsorganisationen gegen Menschenhandel. l Präventionsarbeit unter Jugendlichen, Armen und Obdachlosen, die zu einer Risikogruppe gehören (Veröffentlichung von Faltblättern, Postern, Flyern und Broschüren). Mitwirkung an Aufklärungskampagnen über die Gefahren des Menschenhandels.

In Zukunft

Direkte Arbeit mit Opfern von Menschenhandel durch Bereitstellung von Unterkünften – dieser Bedarf wurde in einem Gespräch mit der Internationalen Organisation für Migration sehr betont. Insbesondere besteht ein Mangel an Unterkünften für Männer. l Einrichtung einer Beratungsstelle/Website zum Thema Arbeiten im Ausland. l Arbeit mit Zuwanderern.

Der vollständige Bericht kann auf Englisch oder Polnisch unter folgendem Link heruntergeladen werden:

armia-zbawienia.pl/wiadomosci-artykul/raport-handel-ludzmi...

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